Montag, 27. April 2009

H. C. Gutierrez und die kleine Raupe Nimmersatt

Da gab es doch einmal diese Fotos von einem gewissen FPÖ-Politiker, der seine rechtsextremen Freunde mit 3 ausgestreckten Fingern grüßte. Wie auch immer man zu dieser Partei und zu dieser Person stehen mag, ich weiß jetzt, er wurde vollkommen missverstanden; er wollte in Wahrheit nur Werbung für Lucio Gutierrez, Präsidentschaftskandidat in Ecuador, machen. Selbiger nämlich war auf seinen Plakaten in der selben Pose zu finden und die drei Finger bedeuten nur „Lista 3“, aber einen Vergleich mit Herrn H. C. S. hat sich selbst Lucio, der vor vier Jahren per Hubschrauber von Quito aus ins Exil flüchten musste, nicht verdient.
Heute, Sonntag, war die Wahl, jetzt am Abend stehen die Ergebnisse mehr oder weniger fest, Rafael Correa wird Präsident bleiben, nach verschiedenen Quellen hat er zwischen 51 und 55 % der Stimmen bekommen, somit wäre auch der zweite Wahldurchgang hinfällig. In Pedro Carbo schaffte es Ignacio Figueroa, den korrupten und amtierenden Alcalde, Xavier Gomez, abzulösen. Wir werden sehen, wie er sich als Alcalde macht. In Sabanilla, Nachbarort von Pedro Carbo der aber noch zum Kanton gehört, hat er angeblich 80 % der Stimmen bekommen. Natürlich herrscht jetzt große Freude im Volk, Feuerwerk und ein Umzug auf der Straße mit hupenden Motorrädern, Autos und Lastwägen durften nicht fehlen. Jedoch kursieren auch viele Gerüchte über geplante und gescheiterte Wahlbetrugsversuche. So soll angeblich Xavier Gomez am Samstagabend bis spät in die Nacht mit den Militärs, die die Wahl kontrollieren beisammen gesessen sein und in einem kleinen Dorf nahe Pedro Carbo sollen angeblich die Wahlbeobachter einer einzelnen Partei nicht zugelassen worden sein. Es müssen nämlich in jedem Wahllokal Vertreter aller teilnehmenden Parteien anwesend sein, damit sie den gerechten Ablauf der Wahl bestätigen können. In Ecuador herrscht Wahlpflicht, wer nicht wählt kann für ein Jahr seine Staatsbürgerschaft verlieren und somit auch alle Rechte auf Sozialabgaben, kann keine Behördenwege erledigen und auch kein offizielles Anstellungsverhältnis eingehen. Wer nicht wählt, bekommt kein sogenanntes „Certificado de votación“ (Wahlzertifikat). Diesen kleinen Ausweis, der bei jeder Wahl neu ausgestellt wird, muss man bei allen Behördenwegen oder immer, wenn man sein „Cedula“ (Personalausweis) braucht beilegen. Natürlich gibt es auch Befreiungen von dieser Pflicht, zB für ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen, die nicht in der Lage sind, zum Wahllokal zu kommen aber ich glaube auch für Analfabeten, sofern sie ihre Stimme nicht mit Hilfe einer Person ihres Vertrauens abgeben wollen. Die Analfabentquote liegt im Kanton Pedro Carbo angeblich bei ca 20 %, erschreckend ist auch immer wieder, dass auch relativ junge Leute davon betroffen sind. Für Europäer einfach unvorstellbar, dass 40-Jährige nicht lesen oder schreiben können.
In der Woche war aber noch mehr los. Im CAAM haben wir in einem Beet über 1000 Ají-(Chili-)Pflanzen bis zu einer Höhe von 15-20 cm hochgezogen. Am Donnerstagabend rissen wir mehr als die Hälfte davon aus, damit wir sie zu den Bauern bringen konnten. Am Donnerstag hat es nämlich endlich wieder einmal ein bisschen mehr geregnet, sodass der Boden wieder feucht war, ideal also zum setzen der Pflanzen und da es schon finster war und kühler war auch der Transport, während dem die Pflanzen ohne Wasser und Erde waren, kein Problem. Ají-Pflanzen können bis zu 48 Stunden ohne Wasser und Erde überleben, wenn es nicht all zu heiß ist. So luden wir die geschätzten 600 Pflanzen in vier Kisten und danach auf die Ladefläche der weißen Camioneta des FEPPs. Simon und ich fuhren dann gemeinsam mit Jubian (Angestellter und „Agraringenieur“ vom FEPP) aus Land. Im finsteren über Straßen, die in Österreich nicht einmal Feldwege wären, zu Bauern, die oft weit abseits von anderen Häusern wohnen. Ohne den Allradantrieb des Autos wären wir einige Male im Schlamm stecken geblieben. Auf einem schmalen Weg, links und rechts von Sträuchern gesäumt, war dann plötzlich ein Strauch auf die Straße gebogen, sodass er den Weg fast blockierte. Anstatt anzuhalten fuhr Jubian aber durch die Äste, aus dem einfachen Grund, weil Räuber in der Nacht gerne Straßen mit Ästen oder Baumstämmen blockieren, damit die Fahrer anhalten müssen. Dieser kleine Strauch war aber kein Problem für die Camioneta und höchstwahrscheinlich war er auch nicht von einem Räuber umgebogen worden. Auf dem Rückweg durfte dann ich ein Stückchen fahren. Das ist schon was anderes, wenn man in Österreich eigentlich flächendeckend perfekt (ja, im Vergleich zu Ecuador ist in Österreich jeder noch so kleine Feldweg, wenn er asphaltiert ist, perfekt) asphaltierte Straßen gewohnt ist und dann sich einmal in die Zweite schalten traut aber gleich wieder zurückschaltet, weil es so rumpelt und dann kommen riesige Schlammlacken, wo man konsequent gerade durchfahren muss, möglichst ohne große Lenkbewegungen und Geschwindigkeitsveränderungen. Irgendwie ein tolles Erlebnis, so richtig „Gatschfahren“, aber andererseits wenn man bedenkt, das sind Straßen zwischen Ortschaften, die viele Leute täglich durchfahren und dieser Zustand ist eine Katastrophe. Das wäre, als wie wenn zwischen Hollabrunn und Breitenwaida nur ein unbetonierter Feldweg wäre und wie der nach 3 Monaten Regenzeit, wo es mehr regnet als in Österreich im ganzen Jahr, aussieht, kann man sich vorstellen.
Am Samstag kam wieder der Flo1 zurück, er brachte außerdem seine Schwester, seine Mutter und den Lebensgefährten seiner Mutter mit. Auch die Lisa kam schon am Mittwoch wieder nach Pedro Carbo. Sie hat aus Quito einen Hund mitgebracht, den sie „gerettet“ hat, der war ganz dünn und hat kaum gehen können, sie hat ihn zum Tierarzt gebracht und jetzt ist er hier. Ist eh ein liebes Viecherl, aber zwei Hunde sind zu viel im CAAM.
Das „ley seca“ (trockenes Gesetz – habe ich glaube ich schon im letzten Eintrag erklärt) gilt, so wurde mir heute erzählt, von Freitag Mittag bis Montag Mittag. Trotzdem schafften wir es, jeden Tag irgendwo Bier zu bekommen, für die Österreicher macht unsere Florcita doch eine Ausnahme. Und auch am Sonntag Abend wurde schon überall getrunken und gefeiert, kontrolliert wird es dann nicht mehr.
Ich habe auf meinem Computer ein Foto von der Raupe Nimmersatt gefunden. Ich muss sagen, dass mich die noch immer fasziniert und Nimmersatt wäre auch eine gute Bezeichnung für die Reichen dieser Welt, die sich an der Armut der Armen noch reicher machen, die sind auch „nimmersatt“. Ja, da gehören wir Österreicher auch dazu, da sind wir ganz vorne mit dabei.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Wie immer, - sehr interessant, dein Bericht. Wenn man deinen Schluss so liest, möchte man sich nicht gerne zu den Reichen zählen und eine Ausrede finden, dass man ja ohnehin nichts ändern kann. Ja und überhaupt die Wirtschaftskrise, da werden die Menschen noch egoistischer, weil sie sich benachteiligt fühlen. Gut, wir können leicht reden, weil unser Beruf relativ abgesichert ist. Aber man hört immer mehr von Arbeitslosen, und da ist es in unserem Land mit vielen erfolgsverwöhnten und vergnügungssüchtigen Menschen, in dem nur Vitalität, Jugend und Gesundheit zählen, auch nicht einfach.
Mach du nur so weiter
M