Die „schöne“ Nacht, wie der Heilige Abend auf Spanisch heißt. War zwar nicht besonders weihnachtlich, dafür hat es hier 30 Grad zu viel, aber doch ein ganz eigenes Erlebnis:
Bis Mittag war arbeiten angesagt, am Nachmittag ein bisschen ausrasten und dann um neun begann die Messe in der Kirche. Für diesen besonderen Anlass hab ich mir sogar eine frische Hose und ein Hemd angezogen, mich gewaschen, was ich öfter tue, und rasiert. Und dann ab in die Kirche. Mein Hund wollte unbedingt mit und ich habe draußen gewartet zuerst, weil er nicht weggehen wollt und ich nicht mit ihm in die Kirche. Als er dann kurz weg war, habe ich es doch in die Kirche geschafft. In der Kirche waren die Bänke ausnahmsweise im Kreis aufgestellt, in der Mitte führten Kinder der Pfarre gerade ein Krippenspiel auf. Bei der Szene, wo Maria und Josef gerade Herberge suchen und abgewiesen werden, sehe ich plötzlich, und hab es kaum glauben können, wie ein schwarzer Hund mit gesenktem Kopf und aufgestelltem Schweif zwischen den Kindern rennt – richtig, das ist meiner. Er hat dann ein paar Runden gedreht und wir Zivis haben uns vor Lachen kaum mehr halten können, der Hund verließ die Kirche dann aber nur um noch zwei mal zurückzukommen um mich zu suchen. Bei dem Krippenspiel und der darauffolgenden Messe spielte eine „Band“, also einer mit einer Gitarre und eine Frau hat dazu gesungen. Die Gitarre war so grässlich verstimmt und die Sängerin hat das mit Abstand schrecklichste „Stille Nacht“, das ich je gehört habe gesungen. Einfach so unvorstellbar falsch, ich habe gelitten bei dem Gesang. Das Lied, das am besten funktioniert hat, war das „Nuestro Padre“ (Vaterunser, eh klar), das nach der Melodie von „Sound of Silence“ von „Simon and Garfunkel“ (glaub ich) gesungen wird. Beim spanischen Vaterunser steig ich ein bisschen aus, deswegen hab ich „Sound of Silence“ dazugesungen. Danach kam aber das allerschlimmste Lied. Ein spanisches Weihnachtslied, das ich zufällig aus dem Spanischunterricht kenn, weil das irgendwie im Spanischbuch ist. Das Lied ist nicht so schlecht, aber die Sängerin hat mit dem Schlusston des vorigen Liedes begonnen, der Gitarrist kurze Zeit später in einer anderen Tonart. Danach durften wir wilde Modulationen durch alle Moll-Tonarten erleben, bis sie sich bei der dritten Strophe auf eine geeinigt zu haben schienen.
Dann war die Messe aus und ich ging gemeinsam mit Carlos, seiner Familie und Mario zum Haus der Eltern von Carlos Frau. Das Haus ist ziemlich am Ende von Pedro Carbo, wir sind also sehr lange gegangen. Beim Haus angekommen stellte sich heraus, dass der Schwiegervater von Carlos der ist, der immer die Wasserrechnungen austrägt und sich auch um die anderen Probleme kümmert von denen es in der pedrocarbensischen Wasserversorgung genügend gibt(Meine Probleme mit der Wassergenossenschaft habe ich, im vorletzten oder vorvorletzten Eintrag schon geschildert). So, das war schon mal ein ziemlich großer Zufall. Nachdem Mario und ich schon am festlich gedeckten Tisch Platz genommen haben brauchten wir nicht lange, um aus den Erzählungen des Schwiegervaters nicht irgendwie sinnvolle Informationen zu erhalten, sehr wohl merkten wir aber, dass er schon mittelschwer betrunken war. Im Hintergrund hatte er volle Lautstärke ecuadorianische Volksmusik laufen und, als wäre das nicht genug, spielte die Beleuchtungskette des Plastikbaumes auch noch abwechselnd „Jingle Bells“, „Santa Claus is coming to town“ und andere amerikanische Lieder in schrecklichen Piepstönen und noch dazu saufalsch. Danach kam das Essen. Wirklich gut, das hat mir echt geschmeckt. Es gab 2 Sorten von gegrilltem Fleisch, dazu gegrillte Stücke von sowas ähnlichem wie Speck und Extrawurst (so was ähnliches, nicht zu vergleichen mit österreichischer Fleischqualität), Erdäpfel, Bohnen, Reis, Salat und zum Trinken natürlich Cola, Bier und Champan, aufgezuckerter Sekt. Beim Essen erzählte uns der Schwiegervater, dass es wieder gefälschten Schnaps gibt, weil die vierte Flasche, die er mit seinen Freunden heute getrunken hat, hat anders geschmeckt. Naja. Aber gefälschter Schnaps ist wirklich im Umlauf, da muss man schon aufpassen. Als er kurz nicht da war, um seine Musik lauter zu drehen, entschuldigten sich die anderen (es waren die ganzen Söhne und Töchter und Enkelkinder, 12 Leute insgesamt, dort) für ihn und sagten, das ist jedes Jahr so, dass er beim Essen schon angsoffen ist. Die Bescherung danach war auch ganz nett irgendwie, die Ecuadorianer spielen gern dieses Engerl-Bengerl-Spiel, wo man Namen zieht, und dem, dessen Namen man zieht, dem muss man was schenken. Ich mag das Spiel nicht, aber man spart wirklich Geld damit. Gut, weil ich erst ein paar Tage vor Weihnachten dorthin eingeladen war, habe ich keinen Namen mehr bekommen, ich habe dafür, eine Tafel Milka und zwei Packerl Manner-Schnitten mitgebracht, darüber haben sie sich auch ziemlich gefreut und ich hab dann von Carlos und seiner Familie ein Ecuador-Armband und eine Halskette bekommen. Vor der Geschenkübergabe haben wir noch zu singen versucht, zuerst „Stille Nacht“ im Duo (Mario & Ich), danach „Noche de paz“ mit allen. Eine echt Herausforderung, wenn im Vordergrund der Christbaum grauslige Melodien von sich gibt und daneben die Stereo-Anlage läuft, die der Schwiegervater dann doch wenigstens leiser gedreht hat, ganz abdrehen kommt sowieso nicht in Frage.
Ich merke gerade, dass sich mein Bericht liest, als wäre das alles eine furchtbare Katastrophe gewesen. Nein, das stimmt nicht, ich habe zwar ehrlich nicht übertrieben, aber mir hat der Abend trotzdem gefallen, wir haben Spaß gehabt und es war wieder ein tolles Erlebnis und eine Erfahrung. Und bei Weihnachten bei 30 Grad, ganz anders als die 20 Weihnachten davor, fällt es auch leichter, Weihnachten anders zu akzeptieren und sich darüber zu freuen, was man trotzdem hat.
Heute, am 25., der eigentliche Weihnachtsfeiertag waren wir zu Mittag in Sabanilla zum Essen eingeladen (Mittag verschob sich wegen der langen „Noche buena“ auf drei Uhr nachmittags), danach ging es um fünf zu der Geschenkeverteilung. Wir spielten gemeinsam mit den Ecuadorianern dieses Engerl-Bengerl-Spiel, wobei ich einen Namen zog, den ich nicht kannte. Egal, ich habe ihr einfach eine Halskette und ein Armband, verpacktin ein Schachterl, alles Produkte vom CAAM,geschenkt, ich hoffe, das ist auch gut angekommen. Als wir dann gehen wollten, sahen wir, dass der „Wäschemann“ (der, der gegen geringe Bezahlung immer die Wäsche von uns Zivis wäscht) gegenüber wohnt und er lud uns noch zu sich ein. Schnell zauberte er zwei Flaschen Schnaps herbei und zeigte uns seine Salsa-Videos. Dabei war es ihm sehr wichtig, dass seine Videos keine Raubkopien sind, sondern die Kopien von Originalen. Sein Sohn arbeitet auf der Bahía, dem größten (Schwarz-)Markt für Filme, Musik, Computerprogramme und allen möglichen Ramsch in Guayaquil. Normalerweise sind die DVDs und CDs einfach irgendwie zusammenkopiert, oft im MP3-Format, weil die Leute Musik meistens mit DVD-Playern abspielen. Seine Videos waren allerdings Kopien von Originalen, darauf ist er stolz. Und natürlich konnten wir nicht gehen, bevor nicht der letzte Tropfen Schnaps weg war. Nicht so schlimm, der Zuckerrohrschnaps (Caña) trinkt sich sehr leicht. (...)
Na gut. Ich wünsche euch allen noch eine schöne Festzeit!


