Samstag, 29. November 2008

Tod und Leben - Liebe und Hiebe

Es gibt in Pedro Carbo eine Ferreteria (Eisenwarenhandlung) dessen Besitzer von uns immer "Papa Noel" (Weihnachtsmann) genannt wird, weil er einer der reichsten Männer in Pedro Carbo ist und uns von seinen Reisen (erst kürzlich war er zwei Wochen lang in 6 verschiedenen Ländern in Europa unterwegs) immer Geschenke, vor allem Gewand und Schlüsselanhänger, mitbringt. Wir sind auch gute Kunden. Diese Woche ist seine Oma (oder ist es seine Mutter, ich weiß es nicht genau), die 84 Jahre alt war gestorben. Eigentlich recht plötzlich, weil ich sie vorletzte Woche noch im Geschäft getroffen und mit ihr geredet habe. Sie ist auch nur gestorben, weil sie die Stufen runtergeflogen ist. Jedenfalls ist so ein Begräbnis hier schon ein besonderes Ereignis. Das Begräbnis ist heute um 3 Uhr Nachmittag und schon gestern Abend haben sich alle Leute, die die Verstorbene gekannt haben, und das sind nicht wenig, in und vor dem Haus, das gleich neben dem CRESEM auf der vierspurigen Hauptstraße von Pedro Carbo ist, versammelt. So viele Leute, dass die meiste Zeit eine der beiden Fahrbahnen total blockiert war. Da sitzen die Leute auf Hockern, reden miteinander über die Verstorbene oder beten oder sitzen einfach nur da. Und das fast die ganze Nacht, ein Kommen und Gehen, und irgendwie gefällt mir das, weil jemand gestorben ist, blockieren sie die halbe Straße. Auch die Prozessionen auf den Friedhof gehen dann immer über die Straße und Busse, Lastwagen und Mopeds müssen warten. Einmal hab ich aus dem Bus heraus gesehen, wie in Guayaquil so ein Begräbniszug sogar auf der achtspurigen Autobahn gegangen ist.
Ja, Tod und Leben liegen hier oft eng beinander, so viele Mütter mit kleinen Kindern sieht man hier, doch auch wöchentlich sieht man mehrmals Begräbnisse, hört von Morden, bekommt Geschichten erzählt von Frauen, denen von 12 Kindern 2 gestorben sind, aber das erzählen sie, wie wenn es normal wäre. Man muss auch ein anderes Verhältnis zum Tod haben, wenn man so große Familien hat, wo es schon sein kann, dass jedes Monat jemand in der Familie stirbt. Dafür bekommen die Frauen auch schon oft mit 18 die ersten Kinder und sind mit 25 schon dreifache Mütter. Ja, mit 16 das erste Kind zu haben ist in Pedro Carbo keine Seltenheit und kommt wahrscheinlich von der fehlenden Aufklärung. Von den CRESEM-Zivis weiß ich, dass sie versucht haben, Sexualerziehung im CRESEM durchzusetzen, die sich aber auf Wunsch der Direktorin darauf beschränkt, dass man Sex erst während der Ehe praktizieren sollte. Nur daran hält sich sicher keiner, wenn man ihnen aber erklären könnte, wie Verhütungsmittel und der Schutz gegen AIDS richtig funktionieren, wäre hier sicher wesentlich mehr getan.
Die katholische Kirche hat in Pedro Carbo sehr viel bewirkt, Hut ab, das muss man schon sagen, was aber die sexuelle Aufklärung betrifft, und ich bin mir sicher, dass es genügend Erwachsene gibt, die keine Ahnung haben (woher auch), so wurde dieses Thema von der Kirche jahrzehnte- oder jahrhundertelang einfach unter den Kirchenteppich gekehrt.
Mittlerweile denke ich auch schon etwas anders über das Thema, weil wie weit sind wir schon in Europa mit unserer Einstellung? 1,3 (ungefähr glaube ich) Kinder pro Frau, Kinder werden als Karrierehindernis, als finanzielle Belastung angesehen. Erstens finde ich das unheimlich egoistisch und zweitens schadet es sicher der Gesellschaft. Wenn ich jetzt nach Österreich kommen würde, würde mir die Umgebung sicher total kinderfeindlich vorkommen. Wenn man hier in Ecuador in ein Haus eingeladen ist, zwei oder mehr Kinder rennen immer herum und sorgen für allgemeine Erheiterung, vom Urgroßvater abwärts spielen alle mit den Kindern und jeder ist so unheimlich stolz auf seinen Nachwuchs. Und was hat man in der Pension von einem tollen Job, den man davor gehabt hat? Die Familie aber bleibt.

Letzte Woche kam ein Ehepaar, ich schätze beide so um die 40, ins CAAM und verlangten nach Yadira. Yadira ist eine Kollegin von mir, die eigentlich für das FEPP arbeitet, aber an einem Kurs über Frauenrechte teilgenommen hat und immer wieder Opfern von Gewalt hilft. Das Ehepaar erzählte ihr dann, dass er, der Mann, am Vortag mit der 14-jährigen Tochter unterwegs war, er war ein bisschen betrunken (wie leider viele hier) und dann wurde er überfallen und betäubt (wie weit wirklich, weiß ich nicht, er war ja auch betrunken, aber es kann schon seint) und die Tochter entführt. Er hat den Entführer aber gesehen, der schon öfter junge Mädchen entführt, in seinem Haus eingesperrt und vergewaltigt hat. Die Polizei hat daraufhin nichts unternommen, deswegen sind sie zur Yadira gekommen. Die ist dann mit ihnen noch einmal zur Polizei (ihr Vater ist auch Polizist) und sie hat dann den Polizeichef dazu überredet, doch mit ihnen gemeinsam zum Haus des Entführers zu fahren, alleine hätten sie sich das nicht getraut, verstehe ich auch. Beim Haus,angekommen war der Entführer samt Tochter aber schon weg und ich weiß nicht, wie die Geschichte ausgegangen ist, aber laut Manuel ist die Tochter wahrscheinlich immer noch in der Gewalt des Entführers und was er mit ihr anstellt, kann man sich denken.
Passend dazu hatten wir am Tag darauf den "Día de la no-violencia contra la mujer" (Tag der Nicht-Gewalt an Frauen) mit einer kleinen Veranstaltung im CAAM, einem Mittagessen und einem anschließenden Marsch, in der Mittagshitze mit Transparenten und Polizeischutz durch die Hauptstraße von Pedro Carbo.

Leider muss man sagen, dass die Fälle von Gewalt, die bei uns gemeldet werden, sicher weniger als die Spitze des Eisberges sind.

Aber jetzt was anderes:

Weil mich immer wieder Leute fragen: Meinen Tieren geht es so weit gut, der Hund wurde gestern von einem Fahrzeug, ich weiß nicht welches, glaub ein Trici, fast überfahren, irgendwie hat es ihn auf die Seite gestoßen und er dürft mitn Kopf über den Asphalt radiert sein, weil er ein paar kleine Wunden hat, wir haben sie sofort eingesprüht, und so tief sind sie nicht, also nehme ich an, dass er keine Maden mehr bekommen wird. Aber er ist gut drauf und das ist schon mal ein gutes Zeichen. Und weil er immer sieht, dass die Katze mir auf den Schoß hupft, hat er das auch probiert, hupft mir einfach auf den Schoß, nur ist er ein bisschen schwerer, größer und dreckiger, also hab ich ihn wieder runterhauen müssen. In der Nacht, so fern er zu Hause ist, beschützt er mich auch, das ist hier gar nicht so schlecht, weil ich ja alleine in dem Haus wohne.

Ich habe das alles in der Oficina (Büro) vom CAAM geschrieben, es ist hier so heiß, dass ich mir mein T-Shirt ausziehen muss, weil mans sonst nicht aushält. Ich habe gehört, in Österreich schneit es schon. Kaum vorzustellen bei 30 Grad im Schatten, den es bei senkrechter Sonneneinstrahlung kaum gibt.


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