Tausende Lichter brennen. Seit ein paar Wochen gibt es in ganz Pedro Carbo Weihnachtsdekoration. Das heißt Plastiktannen mit bunten blinkenden Lichtern und Plastikschnee, beleuchtete Plastikschnee- und Weihnachtsmänner und das alles bei 30 °C. Da sieht man, dass der Weihnachtskapitalismus von Nordamerika hier 1:1 übernommen wird. Ohne Nachfragen. Wenn das Weihnachten ist, wäre es besser, wir würden es lassen. Aber irgendwie ist es auch typisch ecuadorianisch, einfach kopiert von wo anders, weil die Amerikaner sind ja alle so reich und diese Kultur ist ja das allerbeste. Immer wenn ich das Gefühl habe, wieder ein bisschen mehr von der Mentalität und Kultur der Leute hier verstanden habe, gibt es kurz darauf Erlebnisse, wo es mir wieder einfährt, dass ich gar nichts verstanden habe, dass es nicht so leicht zu durchschauen ist und ich glaube, so geht es auch anderen Ausländern, die schon länger sind. Eine fremde Kultur kennenlernen, das klingt immer so schön als Motiv für Auslandsjahre, man kann sie kennenlernen, aber sie so voll und ganz zu verstehen würde glaube ich viele, viele Jahre dauern. Weil eine fremde Kultur, eine andere Mentalität ist nicht etwas, dass man mit seiner eigenen Denkweise begreifen kann, diese Sachen sitzen viel tiefer.
Zu meiner Woche:
Eigentlich war ich viel unterwegs, am Dienstag in Portoviejo um das Regionalbüro des FEPP kennenzulernen und für einen kleinen Gedankenaustausch mit der dortigen Buchhalterin, am Mittwoch habe ich ein Paket vom Hauptpostamt in Guayaquil abgeholt. Und am Montag schon habe ich ein anderes bekommen, momentan habe ich also genug Speck- und Wurstvorräte, danke an Oma und Opa und meine Eltern bzw Brüder für die zwei Pakete. Am Freitag musste ich dann unerwartet wieder einen halben Tag nach Guayaquil fahren, weil bei der letzten Papaya-Lieferung der Zuständige Bauer nur das Original der Factura mitgenommen hat, zum korrekten Ausfüllen der Factura braucht man aber auch den Durchschlag. Klingt ziemlich bürokratisch, ist es auch. Jedenfalls mussten wir das am Freitag erledigen, da wir die Rechnung schon für November deklariert haben und sie unbedingt brauchten, jetzt bin ich wegen dem einen Zettel eine Stunde mit dem Bus in die Stadt gefahren, hab die Firma gesucht, auch gleich gefunden und hab das Doppel der Factura abgegeben und ausgefüllt wieder mitgenommen. War auch irgendwie interessant, die Firma ein bisschen kennenzulernen. Natürlich war das alles abgesichert, überall stehen Sicherheitsleute mit unübersehbar großen Revolvern am Gürtel, das hat aber den Vorteil, dass sie einem alle Türen aufhalten. Diese Firma, Tropifrutas, verarbeitet Papaya, Mango, Maracuya und Bananen. Wenn man über das Firmengelände geht, riecht es zuerst ganz herrlich nach Maracuya und Bananen, dann plötzlich nach Chlor und dann nach Komposthaufen. Auch interessant irgendwie, der Kontrast. Und am Samstag fuhren wir zur Eröffnungsfeier der Olimpiadas Especiales. Das sind so olympische Spiele für Kinder oder Jugendliche mit Behinderungen. Diese Feier war ganz groß aufgezogen, wurde schon wochenlang im Fernsehen sogar beworben und aus dem ganzen Land kommen Delegationen von Sportlern, so auch vom CRESEM, mit ihren Trainern, David und Jakob. Also da war dann echt viel Show, ziemlich professionell, ich habe aber manchmal den Eindruck gehabt, dass es ein bisschen was von "Licht ins Dunkel" hat, so vor Weihnachten, schnell was für die armen Kinder tun, damit man sie dann danach wieder 11 Monate ruhigen Gewissens ignorieren kann, überspitzt formuliert. Nein, ich glaube, das trifft auf "Licht ins Dunkel" sicher viel mehr zu, wenn ich mir ansehe,mit welcher Begeisterung da gestern manche dabei waren. Ich glaube diese Olimpiadas geben den Kindern schon extrem viel von dem, was sie oft im alltäglichen Leben hier nicht bekommen, zB Anerkennung.
Das Spenden ist ja in Österreich immer so ein bisschen ein Ablasshandel. Man spendet zwar einmal 50 € für ein Entwicklungsprojekt, geht danach aber zum Hofer und kauft Mangos, die von Kindern gepflückt werden, tankt sein Auto, für dessen Benzin quadratkilometerweise Regenwald zerstört und ganze Flüsse vergiftet werden. Keiner von uns kann ohne Benzin Auto fahren und keiner wird diese Missstände alleine ändern können, aber was wir können ist, bewusster zu sein, was wir konsumieren, nachdenken, woher kommt das. Wenn ich hier in Pedro Carbo eine Mango esse, weiß ich, dass die zB vom Baum vor dem Haus kommt. Was die Mango beim Hofer schon für Blödsinn mitgemacht hat, ... naja, ich weiß es nicht. Nebenbei erwähnt sind die Mangos hier um Häuser besser als beim Hofer... Ich mag jetzt keinem ein schlechtes Gewissen ein- oder das Spenden ausreden. Spendengelder sind wichtig, ohne Spenden würde es hier in Pedro Carbo kein CRESEM oder kein CAAM geben. Das CRESEM erwartet heuer wieder, wie jedes Jahr, ein Defizit von 20.000 $, das aus Spendengeldern gedeckt werden muss. Ich selbst habe das bis vor zwei Wochen nicht gewusst, dass das Finanzloch so gigantisch ist. Vom Staat ist hier wenig Unterstützung zu erwarten und in Kürze wird ein Teil des CRESEM II - Gebäude an eine Bank vermietet werden, die so an die 800 $ monatliche Miete zahlen wird, das entspricht ungefähr 3 Lehrergehältern. Trotzdem wird auch weiterhin sehr viel Geld fehlen.
Genug gejammert.
Mir geht es gut, obwohl ich angeblich abgenommen habe. Ich gewöhne mich schön langsam an Reisberge, manchmal esse ich sogar schon alles auf vom Essen. Trotzdem ist ein gscheites Wurstbrot immer noch besser. ;-)
Liebe Grüße
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen