Samstag, 6. September 2008

Kulturschock

Woche 5 und ich habe zum ersten Mal sowas wie einen Kulturschock erlebt. Nicht aber in Pedro Carbo oder am Land, nein, in Guayaquil in der Shoppingmall. Am Donnerstag fuhren wir nach Guayaquil ins Kino, das sich in der „Mall del Sol“, einer riesigen Shoppingmall befindet. Zuerst im Bus von Pedro Carbo bis nach Guayaquil und dort dann im Stadtbus weiter bis zur Mall. Alles eben typisch Ecuador, ein bisschen staubig und laut aber ganz ok. Vor der Mall standen 2 Wächter mit Pumpgun und Maschinenpistole, in der Mall war es eisig kalt von der Klimaanlage und mir hat es einfach die Sprache verschlagen, wie man von einem Moment auf den anderen von den staubigen, dreckigen Straßen Guayaquils in diese klinisch saubere, scheinbar heile Welt des Kapitalismus nach nordamerikanischem Vorbild eintaucht. Diese Mall hat mich sehr stark an die Mall in den USA, in der ich im Juni war, erinnert, nur, dass sie noch viel größer war. Auch die Geschäfte waren sehr ähnlich, Burger King, Taco Bell, KFC, usw… Weil im Kino das Essen so teuer war, wollten wir noch beim Burger King noch einen Burger essen. Ich wollte von dem Irgendwasburger-Menü nur den Burger ohne Pommes und Cola haben, das Menü hätte 6,90 $ gekostet, den Burger alleine wollte mir die fette Burgerking-Verkäuferin um 6,10 $ verkaufen. Das war mir doch zu viel für ein zaches Laberl und hab sie gefragt, ob es nicht billigere Hamburger gibt, schließlich hab ich einen um 4 $ bekommen, immer noch billiger als im Kino, aber selbst für uns Europäer sehr teuer, da sieht man, wie gigantisch hier der Unterschied zwischen Arm und Reich ist, einerseits bekommt man auf der Straße eine Empanada, die genau so ungesund ist und wahrscheinlich besser schmeckt als der Hamburger, um 25 Cent und in der Shoppingmall, wo sich reiche Ecuadorianer und Touristen tummeln kostet ein einzelner Hamburger 6 $. Irgendwas ist da falsch.
Jedenfalls war der Film nicht so gut, ein spanischer Film, Orfanato oder so heißt er. Zum Glück haben wir dann am Abend noch den Bus um halb 12 erwischt, die „Reina del Camino“ (Königin der Straße) ist auch eine der schnelleren Buslinien, weil sie nicht so wie die Pedro-Carbo-Busse überall stehen bleibt und jeden mitnimmt, was in Ecuador auch ein Sicherheitsrisiko für andere Passagiere ist, wenn ein Bus jeden mitnimmt. Aber eigentlich bringt jeder Busfahrer seinen Bus an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit und ich fürchte, auch der Bus bringt den Fahrer an seine Grenzen. Vielleicht ist deswegen in fast jedem Bus irgendwo ein überdimensionales, kitschiges Bild eines Heiligen oder von Jesus zu sehen. Da steht dann drunter „Cristo te ama“ (Jesus liebt dich) oder sowas und damit fühlt sich der Busfahrer schon so sicher, dass er die 40 km/h-Beschränkung durch Pedro Carbo um mindestens 50 km/h erweitern kann. Ist dann, wie so oft, auf der Heckscheibe des Busses auch noch ein großes Portrait von Che Guevara, kann gar nichts mehr schiefgehen und man ist 10 min früher als erwartet in Guayaquil.
Das Che Guevara Bild ist aber glaube ich weitgehend entpolitisiert hier, genauso wie viele Menschen „Stalin“ oder „Rommel“ oder „Washington“ im Vornamen heißen. Die wissen vielleicht gar nicht viel über ihre Namensgeber, aber es sind halt die Namen berühmter Menschen und das war für die Eltern wahrscheinlich ausschlaggebend.
Da ich jetzt doch schon 5 Wochen im CAAM gearbeitet habe, kann ich schon genauer beschreiben, was wir alles machen. Der Klaus I hat es einmal gut beschrieben mit dem Satz: „Wir sind wie Lagerhaus und Raika, nur mit besseren Konditionen“. Stimmt eigentlich, das CAAM besteht aus dem CAAM selbst und einer „Caja de Ahorro y Credito“ (Kredit- und Sparkasse). Und das CAAM unterstützt die Bauern mit dem Verkauf von Dünger und Saatgut, beim Bau von Bewässerungsanlagen und bei der Vermarktung der Produkte (momentan Ají und Papaya, in der Regenzeit auch Mango und zukünftig vielleicht noch viel mehr). Weiters haben die Bauern die Möglichkeit, sich Schafe in Form eines Tierkredits über das CAAM zuzulegen. Bei dieser Form des Kredits bekommt ein Bauer 2 Schafe und einen Schafbock und muss nach einer bestimmten Zeit 4 Schafe zurückgeben, eines sozusagen als Zins fürs Ausborgen. Über die Caja de Ahorro y Credito bekommen die Bauern auch kleine Geldkredite oder sie können ihr Geld in Sparbüchern (Libretas) anlegen. Auch das Geld, das die Bauern aus der Vermarktung ihrer Produkte erhalten kommt auf ihre Libretas, einen Teil davon können sie sofort abheben, ein kleiner Teil bleibt in der Caja, als Anteil am Kapital der Caja, ähnlich wie eine Aktie und diesen Teil bekommt man erst ausbezahlt, wenn man aus der Caja ausscheidet. Bei den Handwerkerinnen funktioniert es ähnlich. Sie verkaufen uns ihr Palmstroh-Kunsthandwerk und bekommen es über die Caja ausbezahlt.
Und meine Aufgabe ist, dass in dem ganzen Gewirr aus Ein- und Verkäufen die Buchhaltung stimmt und dass es für alles Belege gibt, was in Ecuador um einiges schwerer zu verwirklichen ist als in Österreich.
Letzten Sonntag hat sich Klaus I verabschiedet, er ist jetzt wandern in der Sierra, kommt noch einmal kurz nach Pedro Carbo zum endgültigen Abschied, dafür ist am Montag ein neuer Zivi, Simon, gekommen, der für das CAAM in einem botanischen Garten in Estacada, einem Nachbarort von Pedro Carbo arbeiten wird. Damit sind wir jetzt 5 Zivis.
Franz und Margot geht es gut, der Hahn humpelt ein bisschen, egal, er wird bald geschlachtet. Der Hund und die Katze unterhalten uns während der Arbeit, wenn sie miteinander spielen. Die Katze hat eine Vorliebe für mein Joghurt und für das Ausräumen von Mistkübeln entwickelt. Für mein Jogurt ist sie sogar vom Regal auf den Schreibtisch gesprungen, was sie sich sonst noch nie getraut hat. Eigentlich ist „sie“ ja „er“, aber wir haben vereinbart, dass wir sie erst „er“ nennen, wenn sie ihre erste Maus gefangen hat.

Mir gefällts hier und ich hab mich schon an das Leben hier ziemlich gewöhnt.

Liebe Grüsse nach Hause!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

das mit der katze ist voll die niedliche idee. meine mädchen haben letztens auch katzenbabys gehabt, keine ahnung woher. das lustige finde ich, dass die katzen und auch der hund meiner familie hier echt alles futtern. reis, brot, gemüse... mall del sol. ja, da hab ich ähnlich geguckt wie du, als ich das erste mal reinbin. echt krass dieser unterschied. aber die malls sind glaub ich alle so. zu mindest sieht san marino von aussen auch so aus, liebe grüße! hasta luego