Samstag, 27. Juni 2009

Korruption?

Jetzt geht’s dem Ende zu. In zwei Wochen bin ich schon im finalen Urlaub, bis dorthin wird es aber noch ordentlich stressig. Weil der Manuel nicht da ist, bin ich jetzt ein bisschen zur Anlaufstelle für alle kleineren und größeren Probleme geworden, ich hoffe, ich kann dann wenigstens den Urlaub genießen und werde nicht ständig angerufen, wenn sie im CAAM Sachen nicht finden, die schon wochenlang im Büro herumliegen. Auch die Buchhaltung muss noch einmal auf Vordermann gebracht werden, die vielen Bewegungen in Zusammenhang mit unserem UNO-Projekt verursachen doch auch mehr Arbeit und außerdem ist bald der erste Quartalsbericht fällig, das heißt, für alle Ausgaben muss man sich die offiziellen Rechnungen besorgen, alles in einen Bericht mit 9 Anhängen verpacken und abschicken. Am Dienstag wollte ich die fehlende Unterschrift für das Zertifizieren der Heiratsurkunde von Manuel und Katty sowie der Geburtsurkunde ihres Sohnes besorgen, konnte aber nicht, da ich kein direkter Verwandter bin und ich eine Autorisation brauchte. Beim zweiten Versuch am Mittwoch schaffte ich es dann, wie ich zur schriftlichen Autorisation von Manuel innerhalb eines Tages kam, möchte ich an dieser Stelle besser nicht erwähnen. Und obwohl in der schriftlichen Autorisation ein Tippfehler war und deswegen meine Reisepassnummer nicht stimmte, kam ich zu der Unterschrift, in der der Beamte des einen Registro Civil mit Unterschrift und Siegel bestätigt, dass die erste Unterschrift und das erste Siegel auf dem Dokument tatsächlich von einem Beamten des anderen Registro Civil ist. Die Reisepassnummer ist nämlich für Ausländer das, was für Ecuadorianer oder Ausländer mit Cedula (ecuadorianischer Personalausweis) die Nummer selbigens ist. Diese Nummer ändert sich normalerweise nie, auch wenn sie einen neuen Ausweis bekommen und ohne dieser Nummer geht gar nichts, jeder Ecuadorianer ist vor dem Staat eigentlich nur seine Nummer. Und ich habe eben nur das Censo, das man bekommt, wenn man mit einem gültigen Visum im Land ist und somit den Reisepass ersetzt, das heißt ich kann ohne Reisepass, nur mit dem kleinen Kärtchen herumreisen. Auch auf der zweiten Station, dem Gobierno del Litoral bekam ich endlich die Bestätigung, eine „Apostillierung“, ich weiß nicht, ob es das Wort auf Deutsch gibt, aber so heißt das, da lässt man die Gültigkeit von Dokumenten bestätigen, damit sie auch in anderen Ländern gelten.
Aber ich muss sagen, dass die ganzen Beamten, mit denen ich zu tun hatte, obwohl sie gnadenlos streng sind, wenn irgendeine Kleinigkeit fehlt, doch auch sehr korrekt arbeiten. Keiner hat Geld verlangt, ohne nicht einen offiziellen Beleg auszustellen, im Gobierno del Litoral muss sowieso schon lang jede Zahlung auf ein Bankkonto getätigt werden, damit Korruption erschwert wird. Es hängen auch überall Plakate auf denen steht, wie viel was kostet, damit man den Beamten nicht mehr zahlt, falls sie mehr verlangen sollten und dass man Korruption anzeigen soll. Zumindest in den unteren Reihen der Beamten wird Korruption hierzulande schon wirksam bekämpft. Wie es weiter oben aussieht, weiß ich nicht.
Als ich am Mittwoch in Guayaquil am Busterminal ankam wusste ich schon, welchen Bus ich nehmen musste um zum Registro Civil del Sur zu kommen, am Vortag war ich noch eine Stunde zu Fuß herumgeirrt, bis ich es fand. Damit ich zum Bus der Linie 125 kam, musste ich aber zum zweiten Busbahnsteig vor dem Terminal und die Straße des ersten überqueren. Ist ja nicht so schwer, wenn man viel in Guayaquil unterwegs ist, wo es nicht gar so viele Zebrastreifen gibt, lernt man, wie man sogar achtspurige Straßen ohne Ampeln überquert und die Busfahrbahn hat gerade mal einen Fahrstreifen, also einfach drübergehen. Doch plötzlich sehe ich wie mich ein Vigilante (Verkehrspolizist) zu sich winkt. In dem Moment hab ich mir nur gedacht, er soll doch zu mir kommen, wenn er was will. Trotzdem gehe ich zu ihm und begrüße ihn, er weißt mich freundlich darauf hin, dass zehn Meter weiter ein Zebrastreifen ist, wirklich er hat recht, damit habe ich mich noch nie aufgehalten, dort einen Zebrastreifen zu suchen. Dann will er mein Cedula sehen und ich sage ihm, dass ich keines habe und zeige ihm dafür mein Censo. Er fragt mich, was ich in seinem Land mache, ein bisschen herausfordernd schon, ich erkläre ihm, was ich mache, auch wenn ihn das überhaupt nichts angeht, aber die Ecuadorianer sind halt neugierig und ich rede ja manchmal auch gerne. Dann meint er, ich muss meinen Reisepass mithaben, ich sage ihm, nein, ich brauche den Reisepass nicht, wenn ich das Censo habe, dann sagt er noch, alle Ausländer brauchen ein Cedula, ich soll gleich dort gegenüber auf die Migración (Fremdenpolizei) gehen und mir ein Cedula holen. Leider habe ich ihm dann erklären müssen, dass die Migración nicht für Cedulas zuständig ist und habe ihm mein Censo aus der Hand genommen und erklärt, dass mein Visum ein Visum 12-VII ist und dass Visa dieser Klasse nicht zum Cedula berechtigen. Dann hat er nicht mehr gewusst, was er sagen soll und hat irgendwas gemeint, er mag keine Strafzettel mehr ausstellen und ist gegangen. Das war so klar, dass der mir nur irgendetwas einreden wollte, warum ich „Strafe“ in seine Privatkassa zahlen sollte, nur leider hatte er keine Ahnung von dem was er mir erzählte. Aber danach sah ich wirklich Leute, die Strafe zahlten, weil sie über die Straße gingen, wo es keinen Zebrastreifen gab.
Deswegen ist es immer gut, wenn man selbst ein bisschen was weiß, und man braucht sich nicht jeden Blödsinn einreden lassen. Das geht nämlich in Ecuador sehr gut normalerweise, tut jemand, als ob er etwas wisse, kann er die Unwissenden manipulieren, wenn du aber wirklich was weißt, dann bist du weniger anfällig für Manipulation. Wissen ist also nicht nur Macht sondern auch Freiheit in dem Sinne. Und jedes diktatorische System baut auf die Unwissenheit auf. Aber nicht nur diese, auch die ach so tolle Freiheit des Kapitalismus baut auf Dummheit auf oder wäre sonst Werbung so effektiv?
War wieder ein bisschen Moralpredigt, aber es tut gut, hin und wieder darüber nachzudenken!
Hasta la proxima!

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wow, Klaus, aber wer nicht Spanisch kann, kann sich noch mehr Blödsinn einreden lassen. Aber wir haben ja dich, der uns im Falle eines Falles aus der Patsche hilft.
LG
Mum

Andi hat gesagt…

Hello Klaus, ich möchte deinen interessanten Beitrag noch um etwas erweitern: Wissen und Macht beeinflussen sich gegenseitig - Wissen ist nicht nur Macht, sondern wird maßgeblich von von dieser beeinflusst.
Ich stimme dir zu, dass in jedem System (Diktatur, Kapitalismus, usw.) Wissen Macht produziert, aber - und das darf man nicht vernachlässigen - die Macht produziert auch Wissen: so ist ein Diktator nichtmehr der "schuldige" Herrscher, sondern selbst nur ein Rad im Getriebe der Macht - er selbst muss sich einem "Wissen" unterordnen (banal gesagt: er muss diktieren).
Vielen Dank für deine Berichte!