Samstag, 11. Oktober 2008

Von Allem

Was einem in Ecuador schnell auffällt, ist die allgegenwärtige Musik. Im Bus, auf der Straße, in Geschäften, aus Autos, ja, von überall hört man laut und deutlich das, was die Ecuadorianer zum Leben genauso wichtig brauchen wie Reis. Und egal, wie laut der Bus oder der Umgebungslärm gerade ist: Die Musik muss lauter sein und sie ist es auch. Meistens hört man sogar aus den einfachsten Holzhütten ungedämpfte Salsa- oder Reggaetonmusik. Irgendwie fragt man sich dann schon, warum sich die Bewohner des Hauses lieber eine Stereoanlage aus China kaufen statt sich ein neues Wellblechdach zu kaufen, das dann vielleicht sogar dicht wäre. Aber andererseits, wenn sie lieber Musik hören, als ein dichtes Dach über dem Kopf haben wollen, es ist ihre Entscheidung. Aber trotzdem, man kann natürlich als Europäer nicht herkommen und ihnen sagen, was zu machen ist, dafür sind wir auch gar nicht da, aber eine gewisse Bewusstseinsbildung, vor allem in Sachen Umweltbewusstsein, wäre nicht ganz fehl am Platz.
Tonträger wie CDs oder MP3-CDs sind hier sehr leicht zu bekommen, am Schwarzmarkt gibt es eigentlich nur kopierte CDs zu kaufen, um unter einen Dollar pro Stück, DVDs gibt es um einen Dollar. Jetzt fällt mir gerade auf, dass ich in zwei Monaten Ecuador keine einzige legale CD oder DVD gesehen habe. Einerseits natürlich der Raub geistigen Eigentums und der Schaden, der der Musikindustrie zugefügt wird, andererseits aber: Wie sollten sich Leute, die am Tag oft weniger als fünf Dollar verdienen sonst CDs leisten können. Jetzt stellt man sich vielleicht die Frage: „Ja, warum brauchen die CDs, wenns so arm sind, sollns sich was zu essen kaufen darum.“ Aber so leicht kann man das glaube ich nicht bewerten, es gelten hier andere Wertigkeiten, die man als Europäer nicht so schnell versteht und ich bin noch sehr sehr weit davon entfernt, es zu verstehen. Es gibt hier schon sehr viele gefälschte Markenartikel und billige Produkte aus China. Angefangen bei Autos und Lastwägen: Neben alten nordamerikanischen Fahrzeugen sieht man zu 98% nur japanische und chinesische Fahrzeuge, ganz selten sieht man einen VW-Käfer, manchmal einen Golf oder hie und da einen Peugeot. Sogar die reichen fahren zum Großteil halt teurere japanische Autos. Und oft steht auf den Bussen „VW“ oder „Mercedes-Benz“ drauf, ich bin mir aber nicht sicher, ob auch drin ist was drauf steht. Elektronikprodukte, Werkzeuge und vieles mehr, wird alles aus China importiert, weil die Chinesen halt in einer für Ecuadorianer leistbaren Qualität produzieren. Was nicht immer ungefährlich ist, zB hat sich mein Fahrrad einmal genau in der Mitte beim Überqueren der verkehrsreichen Hauptstraße in Pedro Carbo zerlegt. Ich hab lachen müssen, weil es irgendwie lustig war, wie auf einmal die Treter runtergeflogen sind, und hab das Rad bis zum Rand rollen lassen, bin abgestiegen und zurückgegangen um die Teile einzusammeln, da ist aber schon ein Tricifahrer mit seinem Motordreirad stehengeblieben und der wollte sich schon den Treter meines Fahrrades mitnehmen. Zum Glück hab ich ihn noch bekommen, das Fahrrad aber haben wir bis heute nicht wirklich reparieren können, da beim Reparaturversuch der Schraubenzieher (wahrscheinlich ebenfalls aus China und billiger als ein Dollar) abgebrochen ist.
Jetzt bin ich aber vom eigentlichen Thema abgekommen. Warum sind Ecuadorianer angeblich glücklicher? Weil sie weniger haben, das sie belastet? Wer (noch) kein Auto hat, braucht sich nicht darum zu sorgen? Dafür haben sie aber andere Sachen, die sie sicher genug belasten könnten. Vielleicht einfach, weil sie sich über Sachen freuen können, die wir als „kindisch“ bezeichnen würden. Aber vielleicht ist ja gerade das „kindischsein“ das Geheimnis. Einfach, sich über einfache Sachen zu freuen, Musik zum Beispiel. Oder das Tanzen: Wenn ich mir vorstelle, wie in Österreich auf einem Ball die wenigsten Tanzen wollen und die, die tanzen auch nicht so ausschauen, als würden sie es gern tun, und dann sehe, wie es hier zugeht, wenn die Musik läuft. Da bleiben die wenigsten sitzen und wenn man nicht komplett verschwitzt ist und kurz vor dem Zusammenbruch ist, darf man nicht aufhören. Nein, das war jetzt übertrieben, aber es ist einfach eine andere Freude, die hier herrscht. Das heißt jetzt aber nicht, dass mir das Tanzen in Österreich nie gefallen hat, ich möchte schon wieder mal so Foxtrott, Tango, Rumba, Walzer,… das hab ich schon lang nicht mehr getanzt, und geht mir schon ein bisschen ab.
Naja, was tut sich sonst so? Letzten Samstag haben wir meinen Geburtstag gefeiert. Gleichzeitig war die „Eröffnung“ von Manuels und Kattys neuem Haus. Dort haben wir Abendessen bekommen und als Nachspeise Buchteln mit Vanillesauce. Echt super. Danach sind wir noch in die Disco von Pedro Carbo gegangen, haben aber nicht lang tanzen können, weil dann irgendwie eine Schlägerei ausgebrochen ist, die sich dann wieder beruhigt hat und dann hats noch einmal angefangen. Ich bin dann raus aus der Disco, weil ich mir gedacht hab, dort bin ich weiter weg vom Geschehen, eine Frau draußen hat auch die Policia angerufen, dann wurde die Disco vom Besitzer zugesperrt und die Betrunkenen haben auf der Straße weitergeschrien und hätten sich fast weitergeprügelt. So sehr sie auch Betrunken waren, wer mit dem Motorrad oder Auto da war ist so auch wieder heimgefahren, einen haben wir gesehen, der ist auf dem Motorrad gesessen, so betrunken, dass er am Lenker gelehnt ist und nur mit einer Hand Gas gegeben hat, weil er aber die andere Hand zum Anlehnen brauchte, konnte er die Kupplung nicht bedienen und er konnte nicht wegfahren. Hätte er sowieso nicht, so schief, wie der geschaut hat. Wir haben uns dann ins CRESEM zurückgezogen, auf dem Weg zurück ist uns dann die Policia entgegengekommen, hat mich gewundert, dass die überhaupt gekommen sind, haben eh nichts getan. Die Betrunken sind dann noch einige Zeit mit den Motorrädern auf und ab gefahren, in atemberaubender Geschwindigkeit, in dem Zustand wie die fahren und so schnell, da wäre es sicherer, eine Autobahn in Österreich zu Fuß zu überqueren, mich wundert es wirklich, dass denen nichts passiert ist. Echt, sowas riskantes hab ich noch nie wo erlebt.
Vielleicht sollte ich solche Erzählungen aus dem Blog fernhalten, weil es ein schlechtes Licht auf Ecuador wirft. Aber ich denke mir, es ist halt so und Alkoholismus und Machismo sind zwei wesentliche Probleme hier und beides vereint um 3 Uhr Früh auf einem Motorrad endet nach meiner Schätzung mit einer 50%igen Überlebenschance.
Aber auch wieder was positives: Am Sonntag waren wir bei einer Lehrerin (die, die im September geheiratet hat) des CRESEM zum Palatschinkenessen eingeladen. Sie kennt Palatschinken dank Jakob Winkler und sie wohnt jetzt mit ihrem Mann in einem „Haus“, dass aus 2 Ziegel- und 2 Holzwänden besteht und darüber zur Hälfte ein löchriges Wellblech, zu einem Viertel eine Plane hat und zu einem Viertel unter freiem Himmel ist. Trotzdem stehen 2 Fernseher drinnen. Wieder eine Frage der Wertigkeiten. Naja, ich habe dann die Supervision über die Palatschinkenproduktion übernommen, hab den Teig optimal abgestimmt und dann die Palatschinken in der Pfanne gebacken (sagt man da gebacken?) und sie dann zur Endfertigung weitergeleitet. Die Pfanne war so eine billige Pfanne aus China, siehe oben, die immer gekracht hat, wenn man sie zurück auf die Gasflamme gestellt hat.
Jedenfalls waren da so viele Leute da, dass im Haus fast kein Platz mehr war, aber die Gastfreundschaft hier kennt fast keine Grenzen und wenn man die nicht ausnutzt, ist das fast schon unhöflich.
Nächstes Wochenende fahren wir wahrscheinlich nach Quito. Warum? Fortsetzung folgt...

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

jetzt im ernst? du siehst kaum vw-käfer? guayaquil is doch quasi einer käferplage zum opfer gefallen. nach quito? im ernst? wie toll!
optimale grüße
maike